Syene (EGY)

Im Jahr 2001 begann das Schweizerische Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde (Kairo) im Zentrum der Stadt Assuan - dem antiken Syene – mit planmässigen Rettungsgrabungen. Die archäologische Substanz der stark wachsenden Stadt ist durch die moderne Bebauung stark bedroht. Ziel ist die Einrichtung eines Archäologischen Parks, der Einblick gibt in das Leben und die Entwicklung dieses schon immer bedeutenden Handelszentrums. Dazu gehört aber auch die Kenntnis der Hauptfundmassen, der Keramik und deren Chronologie.
Auf Anfrage des Instituts in Kairo übernahm die Abteilung Archäologie der Römischen Provinzen im Jahr 2003 die wissenschaftliche Aufnahme der Keramik aus der späthellenistischen / frühkaiserzeitlichen Aera bis in die Spätantike und den Übergang in frühislamische Zeit, im Hinblick auf die Auswertung und Publikation.

Zum ersten Mal verfügt man an dieser kulturellen Nahtstelle vor dem ersten Katarakt des Nil über ausgezeichnet erhaltene und mit modernen Methoden ausgegrabene Baustrukturen aus jenen Epochen. Die reichhaltigen Funde geben einen Längsschnitt durch die Geschichte einer bedeutenden Stadt Oberägyptens für eine Zeit, die in diesem Raum bisher unter dem Eindruck der altägyptischen Kulturen vernachlässigt wurde.

Für die Grenzsituation am Rand der römischen und byzantinischen Welt

ist Syene interessant, weil sich hier nicht nur die Handelsstrassen von und in Richtung Nubien bündelten. Granit aus den Steinbrüchen bei Assuan wurde auch in römischer und byzantinischer Zeit an die Grossbaustellen des Mittelmeerraums geliefert. Um Syene etablierte sich dank hervorragender Tonvorkommen in römischer Zeit eine ausgedehnte Keramikproduktion, die bis ins Mittelalter blühte. Diese Erzeugnisse wurden weit nach Süden, z.T. auch nach Norden verhandelt. Mit den regen Verbindungen nach Norden gelangten Importe aus dem ganzen Mittelmeerraum nach Syene, die für die Kenntnis der Handelsgeschichte und der damaligen kulturellen Kontakte grundlegend sind. Bis Syene reichte dank der Kultur- und Wasserstrasse des Nil der Einfluss des Mittelmeerraums.

Seit Abschluss unseres Teils der Feldarbeiten (im Jahr 2010), an denen stets auch Studierende beteiligt waren, werden die aufgenommenen Ensembles bearbeitet und zur Publikation vorbereitet. Es geht zunächst darum, Grundlagen für die Formenübersicht und die chronologische Entwicklung der Keramik zu erarbeiten.Mithilfe dieser Grundlagen wird es möglich sein, in Verbindung mit den Baubefunden und der Stadtentwicklung besiedlungsgeschichtliche und historische Fragestellungen anzugehen, die Lebensweise, Fragen der Akkulturation, Handel und Austausch beinhalten.

Das Projekt wurde während der Phase der Feldarbeiten unterstützt durch die Schweizerisch-Liechtensteinische Stiftung für archäologische Forschungen im Ausland.

Abgeschlossene Lizentiatsarbeit:

J. Wininger, Ein geschlossenes Fundensemble eines spätrömischen Hauses in Assuan. Ein Beitrag zur Chronologie und Entwicklung der Keramik in Oberägypten im 6./7. Jahrhundert n.Chr.
(Publikation in Vorbereitung)

Publikationen und zusätzliche Literatur:

S. Martin-Kilcher, in: C. von Pilgrim et al., The Town of Syene. Report on the 5th and 6th Season in Aswan. MDAIK 64, 2008, bes. 346-353.
S. Martin-Kilcher, Syene – Assuan (Ägypten). Eine Keramikplatte des 7. Jahrhunderts mit gemaltem Kreuz aus einem frühchristlichen Sakralkomplex. SLSA Jahresbericht 2008, 217-227.
S. Martin-Kilcher/J. Wininger, Assuan-Syene (Ägypten). Archäologie der Römischen Provinzen im Spiegel der südlichsten Stadt des Imperium Romanum. SLSA Jahresberich 2006, 221-235.
S. Martin-Kilcher, Eine Keramikplatte des 7. Jahrhunderts mit gemaltem Kreuz aus einem frühchristlichen Sakralkomplex. Cahiers de la Céramique Egyptienne 9 (im Druck).

Leitung:

Prof. em. Dr. Stefanie Martin-Kilcher