Institut für Archäologische Wissenschaften

Streitliteratur im Alten Orient: Ein Editionsprojekt

Vor rund 4000 Jahren wurden in Mesopotamien in sumerischer Sprache 16 Literaturwerke (9 Rangstreitgespräche, 5 Schülerstreitgespräche, 2 Frauenstreitgespräche) verfasst, die heute als Streitliteratur zusammengefasst werden können. Diese Texte haben bis heute kaum Eingang in die Forschung gefunden.

Die Rangstreitgespräche stellen auf den ersten Blick die höchste Kunstform in der Streitliteratur dar. Sie wurden einst mit dem sumerischen Terminus a-da-mìn («Wettstreit zwischen zweien») bezeichnet. Ihre Protagonisten sind Gegensätze aus dem täglichen Leben, insbesondere aus dem (land)wirtschaftlichen Bereich. Es kann sich um Menschen, Tiere, Pflanzen, Realien oder Jahreszeiten handeln (z. B. «Vogel und Fisch» oder «Sommer und Winter»). Im Zentrum der Texte steht der auf hohem rhetorischem Niveau ausgetragene Wettstreit zwischen den beiden Parteien, dessen Ziel es ist, den Ranghöheren von beiden auszumachen. Das Urteil wird am Ende durch eine Gottheit oder einen König gefällt.

Ausschnitt aus einem Prisma mit «Sommer und Winter» (MS 3283)

Die Protagonisten der Schülerstreitgespräche stammen aus dem Umfeld der Schule. Es handelt sich um ausgebildete Schreiber, Musiker oder Schüler und sie alle streiten sich darum, wer der bessere von beiden ist. Entschieden wird dies am Ende durch einen Schulmeister.

In den Frauenstreitgesprächen stehen sich ausschliesslich (namenlose) Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes gegenüber. In dem ihnen eigenen Soziolekt (Emesal) versuchen sie, sich gegenseitig mit wüsten Beschimpfungen zu übertrumpfen. Dass es auch hier darum geht, die bessere von beiden zu ermitteln, wird aus dem Urteil ersichtlich, das am Ende durch einen Richter gefällt werden kann.

Ziel des Projektes ist es, die Streitliteratur den Wissenschaften zugänglich zu machen. Hierfür werden ausgewählte Werke zum einen gelesen, bearbeitet und erstmals übersetzt. Parallel zu dieser Editionstätigkeit werden die Texte auch inhaltlich ausgewertet. Sie hatten in der Antike eine doppelte Funktion: Sie dienten einerseits in der Schreiberausbildung zur Förderung der Redefähigkeit und wurden anderseits im Rahmen von Feierlichkeiten zur Erheiterung des Königshofs aufgeführt. Deshalb verspricht eine Analyse der Texte Einsichten in die Anfänge von Rhetorik und Drama im Alten Orient.

Projektleitung

Prof. Dr. Catherine Mittermayer

Projektmitarbeiter

Dr. des. Manuel Ceccarelli
lic. phil. Sabine Ecklin
Sebastian Borkowski, B.A.

Förderung

Das Projekt wird vom SNF gefördert.